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East Side Gallery – Denkanstoß für das Konzept eines lebendigen Denkmals an die Freude 2018-04-07T09:21:35+00:00

Denkanstoß für das Konzept eines lebendigen Denkmals »an die Freude« East Side Gallery

1990 haben die Künstlerinnen und Künstler der East Side Gallery den Ruf des Jahres 1989 nach Frieden, Freiheit und Demokratie mit all seinen Hoffnungen, Träumen wie auch Ängsten auf Beton gebannt. Beton, der die Welt einst martialisch in Ost und West teilte. Gerade weil viele Menschen heute glauben, dass diese Hoffnungen und Träume enttäuscht wurden, bedarf es in Zeiten wachsender Unsicherheit, Empörung und Angst positiver »Orientierung«. Ein lebendiges Denkmal  »an die Freude« East Side Gallery könnte hierzu einen wertvollen Beitrag leisten:

Sprecherin: Carola Ludwig, Radio Friedrichshain – Studio Ansage, Berlin

  • Dauer: 10:55 Minuten
  • 3 zusammengeschnittene Einspieler
  • Sendefreigabe bei Quellenangabe

I. Leitthema

East Side Gallery – Ein Denkmal an die „Freude“

II. Herleitung des Leitthemas

Abschließend wird die Frage, wofür die East Side Gallery steht, erst von künftigen Historikern in der Rückschau entschieden werden können. Gleichwohl lässt sich nach zweijähriger inhaltlicher Arbeit im Bündnis „East Side Gallery retten!” feststellen, dass in der Nacht des 9. November 1989 „Freude“ herrschte und diese „Freude“ auch das Leitthema des Denkmals East Side Gallery sein wird:

Anders als die Gedenkstätte „Berliner Mauer“ in der Bernauer Straße erinnert die East Side Gallery nicht an die Schrecken des Kalten Krieges. Vielmehr ist sie als ein Denkmal der „Freude“ über den friedlichen Fall des Eisernen Vorhangs sowie das friedliche Ende des Kalten Krieges zu deuten.

Erinnern wir uns an die Bilder in der Nacht des 9. November 1989, haben wir in erster Linie Bilder der „Freude“ vor Augen: Wir denken an wartende, euphorische Menschenmassen – dazwischen mehr oder weniger ratlose Grenzsoldaten. Wir denken an lange Trabbi-Schlangen inmitten dieses Menschenstroms. Wir denken an wildfremde Menschen, die einander wie Schwestern und Brüder in die Arme fallen. Wir denken an „Mauerspechte“ und an wieder andere Menschen, die wie wild auf Trabbi-Dächern trommeln – denken an Sektfontänen.

Die East Side Gallery verkörpert die Hoffnungen und Träume aber auch die Ängste in der Nacht der „Freude“ über den Mauerfall, wie sie 1990 auf Initiative von David Monty von internationalen Künst­lerinnen und Künstlern auf Beton gebannt wurden, der die Welt einst in Ost und West teilte.

Sie wurde damit zum Symbol der „Freude“, wie sie bereits Schiller in seinem Gedicht „An die Freude“ — einer utopischen Vision gleich — zu Beethovens 9. Symphonie ausge­drückt hat. Die Nacht des 9. November 1989 war die Nacht, in der der sanfte Flügelschlag der Tochter aus Elysium — diese von Schiller beschriebene Freude — für kurze Zeit auf unserer Erde spürbar war. Eine Nacht, in der die Menschen tatsächlich zu Schwestern und Brüdern wurden.

Aufgrund der Erfahrungen dieser Nacht ist die East Side Gallery heute für die Menschen ein Symbol der Hoffnung für den friedlichen Fall von Mauern, wie wir sie auch heute noch vielfach in der Welt vorfinden: zum Beispiel die Mauer in Gaza, die Mauer zwischen Nord- und Südkorea, die Mauer zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Mexiko, die Außengrenze der EU. Vielleicht wird sie als „lebendiges Denkmal“ sogar ein Symbol für die Überwindung von Mauern in unseren Köpfen.

Jedenfalls verkörpert sie eine tief in jedem Menschen verwurzelte Sehnsucht:

Den Wunsch der Menschen nach Freiheit.

III. Vermittlung des Leitthemas

Der Raum hinter und um die East Side Gallery sowie ihre Westseite sollten für die Menschen er­schlossen sowie für Künstler im Allgemeinen geöffnet werden, um die Erinnerung an die in der Nacht des Mauerfalls erfahrene „Freude“ lebendig, authentisch wie facettenreich zu transportieren:

Wie die Kunst ist auch die Schillers „Freude“ immanente Freiheit ein zartes Licht, das stets aufs Neue gedacht, gelebt, bewahrt sowie erstritten werden will. Als „lebendiges Denkmal“ würde eine mit „Freude“ erfüllte East Side Gallery hierzu stetig ermuntern.

Erste Gedanken, wie sich das Leitthema im Rahmen eines „lebendigen Denkmals“ vermitteln ließe:

1. Vermittlung des Leitthemas „Freude“

  • Streetart Gerade weil die East Side Gallery als Streetart-Projekt angelegt wurde, liegt es nahe, einen Teil des Areals durch das Aufstellen von Wänden auf dem ehemaliger Todesstreifen oder die Freigabe eines Teils der Westseite für die Streetart-Kunst zu öffnen. Vorstellbar wäre es, Streetart-Künstler gezielt zu Happenings einzuladen oder in Teilbereichen frei wirken zu lassen.

  • Forum, kleines Amphitheater, Rostra Durch das Bereitstellen entsprechender baulicher Open Air-Anlagen ließen sich u.a. Theater­stücke oder Konzerte aufführen, Happenings abhalten oder Vorträge durchführen.

  • Rückkehr eines oder mehrerer Kultur schaffender Freiräume, die dem Leitthema des Denk­mals Rechnung tragen (z.B. YAAM)

  • Anlegen eines Parks, der zum Ausruhen, Verweilen und Besinnen einlädt.

  • Einbeziehen bestehender kieznaher Infrastruktur (z.B. Radialsystem), um größere Kongresse, Konzerte, Theateraufführungen, Symposien u.ä. in authentischer Umgebung und Nähe zum Leitthema realisieren zu können.

2. Vermittlung der Schillers „Freude“ immanenten Freiheit

  • Speakers‘ Corner

    (als Symbol der Freiheit und nach dem Vorbild des Londoner Hyde Parks)

  • künstlerisch-kreative Wagenburg für Kinder und Jugendliche

  • Fackel der Freiheit (als ein lebendiges Symbol der Freiheit)

3. Vermittlung der historischen Erinnerung

  • Informationsmöglichkeiten, die über den historischen Ort und seine Hintergründe informieren und aufklären.

  • Führungen, Workshops etc. (z.B. zu Grund-, Menschen- und Freiheitsrechten)

  • Last but not least: baulicher Schutz der Gemälde an der East Side Gallery (insbesondere der/des letzten noch erhaltenen Originalgemälde/s aus dem Jahr 1990)

IV. Akzeptanz des Denkmals

Ein „lebendiges Denkmal“ East Side Gallery würde sich als authentisches Freiheitsdenkmal zudem sehr gut in die traditionellen Strukturen des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg mit seinen Rebellen, Künstlern und Kreativen wie auch in Berlin einfügen und weltweite positive Resonanz erfahren:

  • Nach einer Studie des Deutschen Zentrums für Tourismus aus dem Jahr 2014 stehen die East Side Gallery sowie die Berliner Mauer bereits auf Platz 5 der beliebtesten Touristen­ziele in Deutschland.

  • Auch ergab eine repräsentative Umfrage des FORSA-Instituts (03/2013), dass sich die über­wiegende Zahl der Berlinerinnen und Berliner mit der East Side Gallery identifizieren: so spra­chen sich 75% der Befragten gegen eine Bebauung des Spreeufers mit Wohnungen entlang der East Side Gallery aus, wenn dafür Teile der Galerie abgerissen werden müssen.

V. Perspektive des Denkmals

  • Die East Side Gallery verfügt über UNESCO-Weltkulturerbepotential. Nach der Expertise des Denkmalschützers und Gutachters für den Internationalen Council on Monuments and Sites (ICOMOS) Prof. Dr. Leo Schmidt, Inhaber des Lehrstuhls für Denkmal­pflege an der BTU Cottbus-Senftenberg, hat die East Side Gallery als politisches Denkmal gute Chancen, UNESCO-Welt­kulturerbe zu werden.

  • Gleichwohl bietet sich die East Side Gallery geradezu als Einheitsdenkmal an.

VI. Botschafter des Denkmals

Aufgrund ihres Einsatzes für Freiheit, Völkerverständigung und die Überwindung von Mauern könnten wir versuchen, Persönlichkeiten wie Daniel Barenboim oder Roger Waters als „Botschafter“ für das Projekt eines „lebendigen Denkmals“ East Side Gallery zu gewinnen.

VII. Aktueller Denkmalstatus

Derzeit ist die East Side Gallery in der „Denkmalliste Berlin“ der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt unter der Objektnummer 09040271 als Denkmal eingetragen. In der Begründung wird u.a. hervorgehoben, dass sie das längste, noch am Originalstandort erhaltene Teilstück der ehemaligen Berliner Mauer darstellt und sich dadurch auszeichnet, dass sie auf der Westseite weiß und auf der Ostseite bemalt ist sowie als sichtbares Resultat der Maueröffnung dafür stehe, dass „Freiheit und Kreativität letztlich stärker sind als Zwangsmaßnahmen und Gewalt“.

VIII. Fazit

Der aktuelle Denkmalstatus des Denkmals East Side Gallery greift mit Blick auf ihre Symbolkraft sowie ihre Bedeutung für den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, Berlin und der Welt zu kurz. Daher möchten wir mit diesem Papier zu einer Diskussion über das Konzept eines „lebendigen Denkmals“ East Side Gallery ermutigen. Ein Konzept, das der „Freude“ in der Nacht des Mauerfalls mit all ihren Träumen, Hoffnungen aber auch den Ängsten gerecht wird. Ein Konzept, das die Lebensfreude der Nachwendezeit an die East Side Gallery zurückkehren lässt und nachfolgende Generationen dazu animiert, für die Freiheit und die aus ihr resultierende „Freude“ einzustehen.

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(East Side Gallery, Bild ohne Titel, Kani Alavi u. Muriel Raoux, 1990 / 2009)

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